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taubstumm

Was bedeutet taubstumm?

„Taubstumm“ ist eine veraltete Bezeichnung für taube Menschen. Der Duden kennzeichnet das Wort als veraltend und oft als diskriminierend empfunden. Er empfiehlt, es nicht mehr zu verwenden und auf Wunsch der Betroffenen durch „gehörlos“ zu ersetzen.

Der Begriff vermittelt ein falsches Bild: Taube Menschen sind nicht stumm, und mit Gebärdensprachen haben sie eine eigene Sprache. Heute üblich sind taub und gehörlos. Viele taube Menschen bevorzugen die Selbstbezeichnung „taub“.

Woher der Begriff „taubstumm“ kommt

Laut Wikipedia entstand das zusammengesetzte Adjektiv um 1775 in Leipzig, im Umfeld von Samuel Heinicke und seinem Unterricht für taube Kinder. Vorher sprach man von „taub“ und „stumm“ als getrennten Eigenschaften oder von „taub und stumm“. Martin Luther umschrieb die Person in der Heilungsgeschichte im Markusevangelium (Mk 7,31–37) als „taub, der stumm ist“.

Mit den ersten Schulen für taube Kinder entstanden auch in anderen Sprachen ähnliche Wörter, etwa „sourd-muet“ im Französischen, „deaf-mute“ im Englischen oder „sordomudo“ im Spanischen.

Das Wort half damals auch dem neuen Beruf des Taubstummenlehrers, an Ansehen zu gewinnen. Ein Lehrer soll seine Arbeit so beschrieben haben: „Aus Taubstummen machen wir durch unsere Lehrkunst Gehörlose.“ Der Satz zeigt den Blick jener Zeit. Taubheit galt als Mangel, den der Unterricht beheben sollte.

Taubstumm und der Methodenstreit im 18. Jahrhundert

Samuel Heinicke wurde am 10. April 1727 geboren. 1778 gründete er in Leipzig eine Schule für taube Kinder, aus der die heutige Sächsische Landesschule für Hörgeschädigte hervorging. Heinicke unterrichtete in Lautsprache und nutzte Gebärden höchstens als Hilfsmittel. Diese „deutsche Methode“ sollte taube Kinder zum Sprechen und Ablesen bringen.

Zur gleichen Zeit unterrichtete in Paris der Abbé de l’Épée taube Kinder mit Gebärden. Diese „französische Methode“ knüpfte an die Kommunikation tauber Menschen an. Zwischen beiden Lehrern entstand ein Methodenstreit, der die Bildung tauber Menschen lange prägte.

Im 19. und 20. Jahrhundert hießen viele Schulen für taube Kinder „Taubstummenanstalt“. Sie setzten vor allem auf Lautsprache und Lippenlesen, Gebärdensprache war im Unterricht oft verboten. Der Begriff „taubstumm“ ist deshalb eng mit einer Pädagogik verbunden, die Gebärdensprachen abwertete. Heute tragen die meisten dieser Schulen andere Namen, zum Beispiel Gehörlosenschule.

Warum „taubstumm“ heute als diskriminierend gilt

Zwei Gründe sprechen gegen das Wort. Erstens sind taube Menschen nicht stumm. Sie haben in der Regel funktionsfähige Stimmbänder und können Laute bilden. Weil sie ihre eigene Stimme nicht oder kaum hören, fehlt ihnen die akustische Rückmeldung beim Sprechen. Mit gezielter Sprecherziehung lernen viele trotzdem, Lautsprache zu sprechen, je nach Biografie unterschiedlich deutlich.

Zweitens unterstellt „taubstumm“ eine doppelte Behinderung. Dabei folgt das Nichtsprechen, wo es vorkommt, aus dem Nichthören. Manche taube Menschen sprechen bewusst nicht, obwohl sie es können, weil sie in Gebärdensprache kommunizieren. Mit der Deutschen Gebärdensprache (DGS) haben sie eine vollständige Sprache. Stumm wirkt ein tauber Mensch nur auf Hörende, die diese Sprache nicht verstehen.

Im Englischen gilt „deaf and dumb“ aus ähnlichem Grund als beleidigend. „Dumb“ bedeutet dort sowohl „stumm“ als auch „dumm“.

Prof. Dr. Liona Paulus vom Institut für Deutsche Gebärdensprache der Universität Hamburg ist selbst taub. Sie hält taub und gehörlos beide für richtig und nennt „taubstumm“ diskriminierend, weil das Wort tauben Menschen eine Sprache abspricht.

Gehörlosigkeit verstehen: jenseits von „taubstumm“

Als gehörlos gelten Menschen, die von Geburt an nicht hören oder vor dem Erwerb der Lautsprache ertaubt sind. Fachleute sprechen dann von prälingualer Taubheit. Diese Menschen können Lautsprache nicht über das Hören erwerben. Auch mit Hörsystemen nehmen sie nur begrenzt oder gar nichts wahr.

In Deutschland leben rund 80.000 gehörlose Menschen, schrieb Helmut Vogel 2021 als Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes. Viele von ihnen definieren sich über ihre Sprache und Kultur und weniger über das fehlende Hören. Entscheidend ist für diese Sicht, ob jemand im Alltag eine Gebärdensprache bevorzugt.

Damit hat sich der Blick verschoben. Taube Menschen verstehen sich heute als sprachliche und kulturelle Minderheit, nicht als Menschen mit einem Defizit.

Gebärdensprachen sind vollständige Sprachen

Die Deutsche Gebärdensprache ist eine natürliche Sprache mit eigener Grammatik. Sie nutzt Handformen und Bewegungen, Mimik, Mundbild und Körperhaltung. Ihre Grammatik ist räumlich: Vieles geschieht gleichzeitig, während in der Lautsprache ein Wort auf das andere folgt. Seit 2002 ist die DGS in Deutschland gesetzlich als eigenständige Sprache anerkannt.

Es gibt nicht die eine Gebärdensprache. Jedes Land hat mindestens eine eigene, oft mit regionalen Varianten. Für internationale Begegnungen nutzen taube Menschen International Sign. Mehr dazu liest du in unserer Antwort auf die Frage Ist Gebärdensprache international?

Die Anerkennung der Gebärdensprachen macht klar: Taube Menschen sind nicht stumm. Sie nutzen eine Sprache, die zu ihrer visuellen Wahrnehmung passt.

Audismus: wenn Hören zur Norm wird

Audismus bezeichnet eine Haltung, die das Hören als Norm setzt und taube und schwerhörige Menschen dadurch benachteiligt. Ähnlich wie Rassismus oder Sexismus führt sie zu Diskriminierung im Alltag und in Institutionen. Mehr dazu findest du in unserem Glossar unter Audismus.

Audismus zeigt sich zum Beispiel, wenn Schulen nur in Lautsprache unterrichten oder wenn Cochlea-Implantate als einziger Weg gelten. Auch fehlende Untertitel und fehlende Dolmetschende in den Medien gehören dazu.

Das Wort „taubstumm“ drückt ebenfalls eine audistische Sicht aus. Es beschreibt taube Menschen über ein angebliches Defizit und übersieht ihre Sprache und Kultur.

„Taubstumm“ und das Bild von Behinderung

Als das Wort „taubstumm“ entstand, herrschte ein medizinisches Bild von Behinderung vor. Behinderung galt als Problem des einzelnen Menschen, das geheilt oder korrigiert werden sollte. Schulen für „Taubstumme“ wollten taube Kinder deshalb vor allem zum Sprechen bringen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich das soziale Modell von Behinderung durch. Es sieht die Barrieren in der Gesellschaft: Menschen werden behindert, wenn Dolmetschende oder Untertitel fehlen. Inklusion bedeutet dann, dass die Gesellschaft verschiedene Formen der Kommunikation gleichberechtigt anerkennt. Seit dieser Zeit gilt „taubstumm“ als veraltet.

Tipps für eine respektvolle Kommunikation

Wenn du mit tauben Menschen sprichst, achte darauf, dass dein Gesicht gut sichtbar ist. Viele lesen ergänzend von den Lippen ab. Sprich in normalem Tempo und normaler Lautstärke, aber deutlich und in kurzen Sätzen. Wenn etwas nicht ankommt, formuliere den Satz um, statt ihn zu wiederholen.

Schriftliche Kommunikation hilft oft. Bedenke aber: Für viele taube Menschen ist die DGS die Erstsprache, Deutsch ist dann eine Fremdsprache. Bei Behörden oder in der medizinischen Versorgung haben taube Menschen in vielen Fällen ein Recht auf Dolmetschende für Gebärdensprache.

Verzichte auf „taubstumm“ und sage „taub“ oder „gehörlos“. Statt „Taubstummensprache“ sagst du Gebärdensprache, statt „Taubstummenanstalt“ Gehörlosenschule. Manche schreiben „Taub“ groß, um die kulturelle Zugehörigkeit zu betonen. Wenn du unsicher bist, frag die Person, wie sie bezeichnet werden möchte. Das gilt genauso für schwerhörige und taubblinde Menschen.

Vom „taubstumm“ zum inklusiven Miteinander

Der Abschied von „taubstumm“ ist eine Frage des Respekts. Er steht für einen Wandel im Blick auf taube Menschen, die heute mit ihrer Sprache und Kultur anerkannt werden wollen und sollen.

In historischen Texten und Namen begegnet dir das Wort weiterhin. Dort kannst du es zitieren und einordnen. Im Alltag hat es keinen Platz mehr.

Von A bis Z: Begriffe rund um Hörbehinderung und Gebärdensprachen

Im Glossar findest du Erklärungen zu wichtigen Begriffen aus den Bereichen Hörbehinderung und Gebärdensprachen. Unser Ziel ist es, dir einen einfachen Zugang zu diesem Themenfeld zu ermöglichen und Fachbegriffe verständlich zu erläutern.

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