Gebärdensprachen
Kurz erklärt
Nein. Gebärdensprachen sind nicht international. Wie bei Lautsprachen gibt es weltweit viele verschiedene Gebärdensprachen, die sich in Wortschatz und Grammatik unterscheiden. Für die Verständigung über Ländergrenzen hinweg nutzen taube Menschen International Sign, ein flexibles Kommunikationssystem ohne feste Grammatik.

Warum Gebärdensprachen nicht international sind
Gebärdensprachen entstehen wie Lautsprachen von selbst, überall dort, wo taube Menschen zusammenkommen und miteinander kommunizieren. Der Weltverband der Gehörlosen (WFD) zählt weltweit mehr als 300 Gebärdensprachen und rund 70 Millionen taube Menschen. In Deutschland ist es die Deutsche Gebärdensprache (DGS), die seit 2002 als eigenständige Sprache anerkannt ist.
Eine taube Person aus Berlin versteht eine taube Person aus Tokio deshalb nicht automatisch. Bei Lautsprachen ist es genauso: Wer Deutsch spricht, versteht nicht ohne Weiteres Japanisch.
Ein bekanntes Beispiel für die Entstehung einer Gebärdensprache liefert Nicaragua. Als dort Ende des 20. Jahrhunderts die erste Schule für taube Kinder gegründet wurde, entwickelten die Kinder in kurzer Zeit eine vollwertige Gebärdensprache.
Gibt es eine internationale Gebärdensprache?
Eine einheitliche internationale Gebärdensprache gibt es nicht. Der Begriff klingt naheliegend und wird oft verwendet, er beschreibt aber etwas, das nicht existiert. Was es gibt, ist International Sign (IS). Taube Menschen aus verschiedenen Ländern nutzen dieses Kommunikationssystem, um sich zu verständigen, zum Beispiel auf internationalen Kongressen.
International Sign ist keine vollständige Sprache im sprachwissenschaftlichen Sinn. Fachleute beschreiben es als Pidgin: ein reduziertes System, das Elemente aus verschiedenen nationalen Gebärdensprachen verbindet. Daneben sind Bezeichnungen wie International Gesture im Umlauf, der Weltverband und andere internationale Organisationen sprechen heute von International Sign.
Historische Entwicklung der Gebärdensprachen
Berichte über gebärdende taube Menschen gibt es schon aus der Antike. Die moderne Entwicklung begann im 18. Jahrhundert mit den ersten Schulen für taube Kinder. 1755 gründete Abbé de l’Épée in Paris die erste öffentliche Schule dieser Art. Seine Methoden verbreiteten sich in vielen Ländern und prägten mehrere nationale Gebärdensprachen. International wurde Gebärdensprache dadurch nicht, sie entwickelte sich in jedem Land eigenständig weiter.
1880 beschloss der Mailänder Kongress, Gebärdensprachen aus dem Unterricht tauber Kinder zu verbannen. In Deutschland galt dieses Verbot rund 100 Jahre. Taube Menschen gaben ihre Sprachen trotzdem weiter, vor allem in Internaten außerhalb des Unterrichts. Erst mit der Forschung zu Gebärdensprachen, in den USA ab den 1960er-Jahren und in Deutschland ab den 1980er-Jahren, änderte sich das langsam.
Gestuno: der Versuch einer Weltgebärdensprache
Es gab Versuche, eine internationale Gebärdensprache zu schaffen. Der Weltverband der Gehörlosen, 1951 gegründet, stellte in den 1970er-Jahren Gestuno zusammen, eine Art Esperanto der Gebärdensprachen. Der Name verbindet das englische Wort „gesture“ mit der Abkürzung UNO. Eine Kommission wählte rund 1.500 Gebärden aus verschiedenen nationalen Sprachen aus und veröffentlichte sie 1975 in einem Wörterbuch.
1976 kam Gestuno beim Kongress des Weltverbands in Bulgarien zum Einsatz und scheiterte. Die tauben Teilnehmenden verstanden es kaum. Das System war von oben geplant und nicht aus dem Austausch tauber Menschen gewachsen.
Stattdessen entwickelten Teilnehmende und Dolmetschende vor Ort ihre eigene Verständigung. Daraus wurde von Kongress zu Kongress International Sign. Weil es aus der Praxis kommt, funktioniert es, obwohl es weder feste Grammatik noch festen Wortschatz hat.
Wie International Sign funktioniert
International Sign setzt auf Gebärden, die sich gut aus dem Bild erschließen lassen. Grammatische Strukturen, die es nur in einer Sprache gibt, werden vermieden. Mimik, Körpersprache und Zeigen sind genauso wichtig wie die Handzeichen.
Typisch sind Wiederholungen, Gebärden aus verschiedenen nationalen Sprachen und Umschreibungen für schwierige Begriffe. Das funktioniert gut, dauert aber länger als ein Gespräch in einer gemeinsamen Gebärdensprache. Abstrakte Themen sind besonders anspruchsvoll. Wer mehrere Gebärdensprachen kennt, verständigt sich in International Sign meist leichter.
Zum Buchstabieren von Namen gibt es außerdem ein internationales Fingeralphabet, das sich am US-amerikanischen Fingeralphabet orientiert. Mehr zu Geschichte und Einsatz liest du im Glossarbeitrag International Sign.
Ähnlichkeiten und Unterschiede: Sind Gebärdensprachen international verständlich?
Gebärdensprachen sind nicht international, ähneln sich aber teilweise. Das erleichtert die Verständigung zwischen tauben Menschen aus verschiedenen Ländern, macht die Sprachen aber nicht gegenseitig verständlich.
Die Verwandtschaft von Gebärdensprachen folgt dabei nicht der Verwandtschaft der Lautsprachen. So ist die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) enger mit der Französischen Gebärdensprache verwandt als mit der Britischen Gebärdensprache (BSL), obwohl in den USA und in Großbritannien Englisch gesprochen wird.
Internationale Verständigung in der Praxis
International Sign ist bei vielen internationalen Treffen im Einsatz, etwa bei den Kongressen des Weltverbands der Gehörlosen oder bei den Deaflympics. Für taube und taubblinde Menschen bleibt die Vielfalt der Gebärdensprachen bei solchen Begegnungen eine Herausforderung. Oft sind Dolmetschende im Einsatz, die zwischen verschiedenen Gebärdensprachen übersetzen.
Viele taube Menschen stellen sich schnell auf andere Gebärdensprachen ein. So verständigen sie sich auch über Sprachgrenzen hinweg, wenn auch nicht so flüssig wie in ihrer Erstsprache.
Internationaler Tag der Gebärdensprachen
Am 23. September ist der Internationale Tag der Gebärdensprachen. Die Vereinten Nationen haben ihn 2017 ausgerufen, seit 2018 wird er jedes Jahr begangen. Das Datum erinnert an die Gründung des Weltverbands der Gehörlosen am 23. September 1951. Der Tag macht sichtbar, dass Gebärdensprachen vollwertige Sprachen sind und denselben Respekt verdienen wie Lautsprachen.
Linguistische Aspekte: Warum Gebärdensprachen nicht einheitlich sind
Gebärdensprachen sind vollwertige Sprachen mit eigener Grammatik. Sie nutzen Handzeichen, Mimik, Körperhaltung und den Raum vor dem Körper. Eine einheitliche Gebärdensprache für alle würde diese gewachsenen Sprachen und die Kultur dahinter nicht ersetzen.
Forschungen zeigen, dass Gebärdensprachen in denselben Hirnregionen verarbeitet werden wie Lautsprachen. Das passt dazu, dass Gebärdensprachen wie Lautsprachen in verschiedenen Kulturen entstehen und sich unterschiedlich entwickeln.
Werden Gebärdensprachen international?
Eine gemeinsame Gebärdensprache für die ganze Welt ist nicht in Sicht. Technik wie automatische Übersetzung oder Gebärdensprach-Avatare entwickelt sich weiter. Sie kann die Verständigung über Sprachgrenzen erleichtern, ersetzt aber keine Dolmetschenden.
Wichtig bleibt, nationale Gebärdensprachen anzuerkennen und zu fördern. Ihre Vielfalt ist Ausdruck der Kultur tauber Gemeinschaften auf der ganzen Welt.


