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Muttersprache

Als Muttersprache wird häufig die Sprache bezeichnet, die ein Mensch in seiner frühen Kindheit zuerst erwirbt. Der Begriff ist allerdings nicht eindeutig: Wie die Universität Hamburg erläutert, können damit auch die Sprache der Eltern oder die am besten beherrschte Sprache gemeint sein.

Wenn du jemanden nach seiner Muttersprache fragst, kann die Antwort deshalb mehrere Ebenen berühren. Es kann um frühe Kindheitserfahrungen, die Verständigung in der Familie oder eine besonders enge persönliche Verbindung zu einer Sprache gehen.

Für taube und schwerhörige Menschen ist dabei entscheidend, dass Sprache nicht auf Lautsprache beschränkt wird. Auch eine Gebärdensprache kann die erste Sprache eines Menschen sein und die Grundlage seiner alltäglichen Verständigung bilden.

Muttersprache und Erstsprache: Was ist der Unterschied?

Der Begriff Erstsprache beschreibt vor allem die Reihenfolge des Spracherwerbs. Er bezeichnet die Sprache oder die Sprachen, die ein Kind zuerst erwirbt, während „Muttersprache“ im Alltag zusätzlich familiäre und emotionale Bedeutungen haben kann.

Das Wort Muttersprache bedeutet nicht, dass ausschließlich die Mutter diese Sprache vermittelt. Für das Verständnis einer Sprachbiografie solltest du ebenso andere Bezugspersonen und das weitere sprachliche Umfeld berücksichtigen, statt aus der Bezeichnung eine bestimmte Familienkonstellation abzuleiten.

Auch die zuerst erworbene Sprache muss nicht dauerhaft die stärkste bleiben. Stell dir vor, du verwendest später im Beruf und in deinem Freundeskreis überwiegend eine andere Sprache: Dann können sich deine sprachlichen Schwerpunkte verschieben, ohne dass sich die Reihenfolge deines frühen Spracherwerbs verändert.

Wenn Genauigkeit wichtig ist, helfen deshalb konkrete Fragen. „Welche Sprache hast du zuerst erworben?“, „Welche Sprache nutzt du heute am häufigsten?“ und „In welcher Sprache fühlst du dich besonders zu Hause?“ müssen nicht dieselbe Antwort ergeben.

Mit mehreren Sprachen aufwachsen

Ein Kind kann von Anfang an mehr als eine Sprache erwerben. Die Fachinformation zur Mehrsprachigkeit bei Kindern unterscheidet diesen gleichzeitigen Erwerb von einem aufeinanderfolgenden Spracherwerb, bei dem eine weitere Sprache später hinzukommt.

Du musst dich deshalb nicht grundsätzlich für eine einzige Muttersprache entscheiden. Wenn mehrere Sprachen deine frühe Entwicklung geprägt haben, kann es genauer sein, von mehreren Erstsprachen zu sprechen und ihre jeweilige Bedeutung zu beschreiben.

Mehrsprachigkeit setzt außerdem nicht voraus, dass du in allen Sprachen jederzeit über denselben Wortschatz verfügst. Vielleicht kennst du Begriffe aus deinem Beruf vor allem in einer Sprache, während du Familiengeschichten oder bestimmte Alltagssituationen leichter in einer anderen beschreibst.

Auch das Wechseln oder Mischen von Sprachen ist für sich genommen kein Hinweis auf eine Sprachentwicklungsstörung. Entscheidend für eine fachliche Einschätzung ist die gesamte sprachliche Entwicklung, nicht die Erwartung, mehrsprachige Menschen müssten ihre Sprachen immer streng voneinander trennen.

Gebärdensprache als Muttersprache

Eine Muttersprache muss nicht gesprochen oder gehört werden. Das US-amerikanische Forschungsinstitut NIDCD (National Institute on Deafness and Other Communication Disorders) beschreibt am Beispiel der American Sign Language, wie taube Kinder diese Sprache bei frühem Zugang ebenso natürlich erwerben können wie hörende Kinder eine Lautsprache.

Auch die Deutsche Gebärdensprache ist eine eigenständige, natürliche Sprache. Wenn ein Kind von Anfang an in einem zugänglichen Umfeld mit Deutscher Gebärdensprache (DGS) aufwächst, kann DGS zu seinen Erstsprachen gehören.

Du solltest dabei eine natürliche Gebärdensprache nicht mit einer Sammlung einzelner unterstützender Zeichen gleichsetzen. Es geht um eine Sprache, mit der sich nicht nur Gegenstände benennen, sondern auch Zusammenhänge erklären, Geschichten erzählen und unterschiedliche Perspektiven ausdrücken lassen.

Für die Einordnung als Erstsprache ist also nicht entscheidend, ob Hände oder Stimme eingesetzt werden. Entscheidend ist, welche Sprache dem Kind tatsächlich zugänglich ist und in welcher es von Beginn an reichhaltige sprachliche Interaktion erlebt.

Taube Kinder in hörenden Familien

Die Sprache der Eltern ist nicht automatisch die Sprache, die ihr Kind uneingeschränkt wahrnehmen und erwerben kann. Bei einem tauben oder schwerhörigen Kind solltest du daher zwischen der Sprache seiner Umgebung und seinem tatsächlichen Zugang zu dieser Sprache unterscheiden.

Die World Federation of the Deaf fordert deshalb frühzeitige Unterstützung für Familien beim Gebärdenspracherwerb und den Zugang zu tauben Fachkräften und Sprachvorbildern. Der Verband betont, dass Familien die nötigen Informationen und Lernmöglichkeiten erhalten müssen, damit sie diese Aufgabe nicht allein bewältigen müssen.

Für hörende Eltern bedeutet das nicht, bereits alles können zu müssen, bevor die Kommunikation beginnt. Sinnvoll ist, früh mit dem Lernen anzufangen und zusätzlich Menschen einzubeziehen, die dem Kind eine kompetente, lebendige Gebärdensprache anbieten können.

Du solltest die Frage nach der Muttersprache deshalb nicht allein anhand der Hörfähigkeit oder der Sprache der Eltern beantworten. Maßgeblich ist die individuelle Sprachbiografie: Welche Sprachen waren wann zugänglich, wie wurden sie erworben und welche Rolle spielen sie heute?

Muttersprache bei hörenden Kindern tauber Eltern

Gebärdensprache als Muttersprache ist nicht auf taube Menschen beschränkt. Ein hörendes Kind, das von Anfang an mit einer Gebärdensprache aufwächst, kann sie ebenfalls als Erstsprache erwerben und daneben eine Lautsprache kennenlernen.

Hörende Kinder tauber Eltern werden als Coda bezeichnet, abgeleitet von „Children of Deaf Adults“. Der Verein CODA d.a.ch. hebt hervor, dass die Kommunikationsformen dieser Familien unterschiedlich sind: Manche nutzen vor allem Gebärdensprache, andere Lautsprache oder eine Verbindung verschiedener Formen.

Die Bezeichnung Coda sagt deshalb allein noch nicht, welche Sprache eine Person zuerst erworben hat oder wie sicher sie heute gebärdet. Für eine treffende Beschreibung musst du auch hier die tatsächlichen Erfahrungen der jeweiligen Person berücksichtigen.

Wenn Gebärdensprache und Lautsprache gemeinsam zum sprachlichen Alltag gehören, lässt sich daran besonders gut erkennen, dass Mehrsprachigkeit auch verschiedene Ausdrucksmodalitäten umfassen kann. Hörfähigkeit entscheidet nicht darüber, welche Sprache zu einem Menschen gehören darf.

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Früher Spracherwerb und sprachliche Deprivation

Beim Erstspracherwerb ist früher Zugang besonders bedeutsam. Eine Untersuchung zum Erst- und Zweitspracherwerb bei Menschen, die Britische Gebärdensprache (BSL) nutzen verdeutlicht, warum der verspätete Erwerb einer ersten Sprache nicht mit dem späteren Lernen einer zusätzlichen Sprache gleichgesetzt werden sollte.

Wer bereits eine zugängliche Erstsprache erworben hat, bringt andere Voraussetzungen für weiteres Sprachenlernen mit als jemand, dem dieser frühe Zugang gefehlt hat. Aus den untersuchten Altersunterschieden lässt sich jedoch kein einzelner Geburtstag ableiten, nach dem Lernen grundsätzlich unmöglich wäre.

Die Forschung zu sprachlicher Deprivation beschreibt Risiken, die entstehen, wenn eine zugängliche Erstsprache in der frühen Entwicklung fehlt oder stark verspätet verfügbar wird. Auch Hörgeräte oder Cochlea-Implantate garantieren demnach nicht bei jedem Kind einen rechtzeitigen und ausreichenden Zugang zu Lautsprache.

Für die Begleitung eines Kindes sollte daher nicht nur zählen, welche Sprache es möglicherweise später nutzen könnte. Frage ebenso, welche Sprache es jetzt zuverlässig verstehen und selbst verwenden kann, und lasse Unsicherheiten frühzeitig durch qualifizierte Fachkräfte einschätzen.

Muttersprache und persönliche Identität

Muttersprache kann neben der Erwerbsgeschichte auch Zugehörigkeit ausdrücken. Die European Union of the Deaf erläutert den Begriff anhand unterschiedlicher Kriterien: zuerst erworbene Sprache, Identifikation, Sprachkompetenz und häufigste Verwendung müssen nicht zusammenfallen.

Damit lässt sich auch verstehen, warum jemand eine erst später erworbene Gebärdensprache als seine sprachliche Heimat erleben kann. Eine solche persönliche Verbindung macht diese Sprache nicht rückwirkend zur chronologisch zuerst erworbenen Sprache, kann aber für die eigene Selbstbeschreibung entscheidend sein.

Wenn du mit Menschen über ihre Muttersprache sprichst, lohnt es sich deshalb zuzuhören, statt ihre Antwort vorschnell zu korrigieren. Du kannst nachfragen, ob sie damit ihre Erstsprache, ihre wichtigste Alltagssprache oder eine besondere kulturelle Verbindung meinen.

Die fachliche Unterscheidung soll persönliche Erfahrungen verständlicher machen, nicht darüber entscheiden, wer zu einer Sprachgemeinschaft gehört. Eine Sprache kann für einen Menschen sehr wichtig sein, auch wenn seine Erwerbsgeschichte nicht einer vermeintlich idealen Vorstellung entspricht.

Fazit: Sprache verstehen, Sprachbiografien ernst nehmen

Muttersprache ist ein vertrauter Begriff, hinter dem unterschiedliche Erfahrungen stehen können. Er kann eine oder mehrere früh erworbene Sprachen bezeichnen, wird aber auch für sprachliche Zugehörigkeit und die persönlich wichtigste Sprache verwendet.

Wenn du über Muttersprache sprichst, solltest du Gebärdensprachen selbstverständlich mitdenken und individuelle Sprachbiografien ernst nehmen. Im Mittelpunkt steht nicht die Erwartung einer einzigen „richtigen“ Sprache, sondern ein früher, verlässlicher und reichhaltiger Zugang zu Sprache und Austausch.

Von A bis Z: Begriffe rund um Hörbehinderung und Gebärdensprachen

Im Glossar findest du Erklärungen zu wichtigen Begriffen aus den Bereichen Hörbehinderung und Gebärdensprachen. Unser Ziel ist es, dir einen einfachen Zugang zu diesem Themenfeld zu ermöglichen und Fachbegriffe verständlich zu erläutern.

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