Lormen ist eine taktile Kommunikationsmethode, bei der Buchstaben durch Berührungen an der Hand vermittelt werden. Das Lorm-Alphabet ermöglicht insbesondere Menschen mit Taubblindheit oder ausgeprägter Hörsehbehinderung, Wörter und Sätze über den Tastsinn aufzunehmen.
Was ist Lormen?
Beim Lormen vermittelt eine Person eine Mitteilung durch gezielte Berührungen der Hand ihres Gegenübers. Die empfangende Person ordnet diese Berührungen Buchstaben zu und setzt sie zu Wörtern und Sätzen zusammen.
Die sprachliche Grundlage bleibt dabei beispielsweise Deutsch. Du lernst mit dem Lorm-Alphabet also keine neue Grammatik, sondern einen anderen Weg, sprachliche Inhalte zu übertragen und wahrzunehmen.
Diese Unterscheidung ist wichtig: Ein Tastalphabet kann eine Sprache zugänglich machen, ersetzt aber nicht das Verständnis dieser Sprache. Wenn du jemandem ein unbekanntes Wort lormst, wird seine Bedeutung nicht allein durch die fühlbaren Buchstaben verständlich.
Lormen sollte deshalb nicht pauschal als „die Sprache aller taubblinden Menschen“ bezeichnet werden. Welche Verständigungsform passt, muss sich an der betreffenden Person orientieren und darf nicht allein aus einer Diagnose abgeleitet werden.

Wer entwickelte das Tastalphabet?
Das Lorm-Alphabet ist nach seinem Entwickler Hieronymus Lorm benannt. Laut dem Wien Geschichte Wiki war er Journalist und Schriftsteller, wurde 1821 geboren, verlor sein Gehör und erblindete 1880.
Seine Entwicklung zeigt, wie aus persönlicher Erfahrung eine neue Möglichkeit der Verständigung entstehen kann. Im Mittelpunkt steht nicht die Vorstellung, dass Kommunikation mit dem Verlust von Hör- und Sehvermögen grundsätzlich endet, sondern die Suche nach einem zugänglichen Übertragungsweg.
Das Deutsche Taubblindenwerk dokumentiert auch heutige Erfahrungen mit dem Lormen, etwa in Freundschaften und im Familienalltag. Diese Berichte machen zugleich deutlich, dass Menschen das System unterschiedlich erleben und nicht alle gleich schnell oder auf dieselbe Weise lernen.
Wie funktioniert Lormen?
Im Tastalphabet haben bestimmte Stellen und Bewegungen eine festgelegte Bedeutung. Die Alphabetübersicht des Deutschen Katholischen Blindenwerks zeigt beispielsweise einen Punkt auf der Daumenspitze für A, auf der Zeigefingerspitze für E und auf der Mittelfingerspitze für I.
Neben solchen Punkten gehören auch Striche und weitere Berührungsformen zum System. Anders als beim Schreiben von Druckbuchstaben zeichnest du also nicht einfach die sichtbare Form eines A oder E nach.
Ein kurzes Beispiel ist das Wort „Ei“. Du würdest dafür nacheinander die Zeichen für E und I vermitteln; die empfangende Person erkennt die beiden Buchstaben und verbindet sie zum Wort.
Die Kommunikationsbroschüre des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen erläutert neben den Buchstaben auch Hinweise zur Handhaltung, zum Tempo und zu zusätzlichen Verständigungszeichen. Für den Einstieg empfiehlt es sich, eine verlässliche Anleitung zu verwenden und das gegenseitige Verstehen praktisch zu überprüfen.
Vereinbare, wie ihr Wortenden, Rückfragen, Wiederholungen und Korrekturen kennzeichnet. Beginne langsam und passe die Geschwindigkeit an dein Gegenüber an, statt möglichst viele Buchstaben in kurzer Zeit zu übertragen.
Für wen eignet sich das Verfahren?
Taubblindheit bedeutet nicht zwingend, dass ein Mensch überhaupt nichts mehr hört und sieht. Die Definition des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes berücksichtigt unterschiedliche Ausprägungen und beschreibt Lormen unter anderem als Kommunikationshilfe für Menschen mit vorhandener Schriftsprachkompetenz.
Wer bereits eine Sprache und ihr Alphabet kennt, kann beim Erlernen des Tastalphabets daran anknüpfen. Für die Auswahl solltest du aber zusätzlich berücksichtigen, wie gut die Person die Berührungen wahrnehmen und voneinander unterscheiden kann.
Auch die bisherige Sprachbiografie ist wichtig. Ein Mensch, der lange überwiegend lautsprachlich kommuniziert hat, bringt möglicherweise andere Voraussetzungen und Vorlieben mit als jemand, dessen erste und bevorzugte Sprache eine Gebärdensprache ist.
Verstehe Lormen deshalb als eine mögliche Kommunikationsform, nicht als allgemeine Pflicht. Frage die betreffende Person, was sie bevorzugt, und beziehe bei Bedarf eine auf Taubblindheit spezialisierte Beratungsstelle ein.
Lormen und andere taktile Kommunikationsformen
Lormen und taktile Gebärdensprache nutzen Berührung, funktionieren aber unterschiedlich. Der Schweizerische Gehörlosenbund erklärt, dass bei taktiler Gebärdensprache die Hände auf den Händen der gebärdenden Person liegen und Bewegungen sowie Formen der Gebärden erfühlt werden.
Beim Lormen werden dagegen Buchstaben über festgelegte Berührungszeichen übertragen. Wenn du diese Verfahren vergleichst, geht es daher nicht um zwei austauschbare Varianten derselben Technik, sondern um unterschiedliche sprachliche und kommunikative Voraussetzungen.
Auch Brailleschrift ist davon zu unterscheiden: Sie stellt Zeichen durch ertastbare Punktekombinationen dar, etwa auf Papier. Beim direkten Lormen erhältst du die Zeichen hingegen durch die Berührungen einer anderen Person an deiner Hand.
Keine dieser Formen sollte pauschal über die anderen gestellt werden. Kläre lieber, welches Verfahren in der jeweiligen Situation einen verständlichen, angenehmen und selbstbestimmten Austausch ermöglicht.
Selbstbestimmt kommunizieren und teilnehmen
Wenn du mit einer taubblinden Person Kontakt aufnehmen möchtest, kläre zunächst, wie sie angesprochen werden möchte und welche Kommunikationsform sie nutzt. Beginne nicht ungefragt, ihre Hand zu bewegen oder Zeichen hineinzulormen, sondern orientiere dich an ihren Signalen und vereinbarten Kontaktformen.
Stell dich auf dem passenden Kommunikationsweg vor und lasse genügend Zeit für Antworten. Auch das Ankündigen eines Gesprächsendes ist sinnvoll, damit dein Gegenüber nicht im Unklaren darüber bleibt, ob du noch anwesend bist.
Bei komplexeren Situationen kann Taubblindenassistenz unterstützen, etwa bei Kommunikation, Information und Mobilität. Die Unterstützung sollte den Austausch ermöglichen, ohne der taubblinden Person Entscheidungen abzunehmen oder an ihrer Stelle zu sprechen.
Auch rechtlich wird Lormen als Kommunikationsmethode berücksichtigt: § 3 der Kommunikationshilfenverordnung nennt es ausdrücklich neben taktil wahrnehmbaren Gebärden. Die Vorschrift betrifft Kommunikationshilfen im Verwaltungsverfahren nach dem Behindertengleichstellungsgesetz und begründet nicht automatisch einen uneingeschränkten Anspruch in jeder Alltagssituation.
Lormen lernen und gemeinsam üben
Für den Einstieg kannst du zunächst kleine Buchstabengruppen kennenlernen und mit kurzen, vertrauten Wörtern üben. Wechsle dabei zwischen dem Geben und dem Empfangen der Zeichen, damit du nicht nur die Handpositionen kennst, sondern auch die Berührungen unterscheiden lernst.
Die App „Lern Lormen“ des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen ist nach Buchstabengruppen aufgebaut und als Ergänzung zum Unterricht gedacht. Sie bietet eine Möglichkeit, die Zuordnungen zu lernen und weiter zu üben.
Verbinde solche Lernmaterialien möglichst mit praktischer Anleitung und gemeinsamem Üben. Auf einem Bildschirm kannst du Zeichenpositionen betrachten; für einen guten Austausch solltest du zusätzlich Rückmeldung zu Druck, Deutlichkeit und Tempo der tatsächlichen Berührung erhalten.
Für Angehörige, Freundinnen, Freunde und Fachkräfte lohnt es sich, gemeinsam zu lernen. Plane regelmäßige, überschaubare Übungssituationen und frage nach, was bereits gut verständlich ist, statt Lernerfolg nur an Geschwindigkeit zu messen.
Fazit: Verständigung über Berührung ermöglichen
Lormen macht Buchstaben und damit sprachliche Mitteilungen über die Hand wahrnehmbar. Es ist ein Tastalphabet und keine eigene Sprache; seine Bedeutung liegt darin, einen zusätzlichen Zugang zu Austausch, Information und Beteiligung zu eröffnen.
Wenn du Lormen kennenlernen möchtest, verbinde das Lernen der Zeichen mit Aufmerksamkeit für die Person, mit der du kommunizierst. Entscheidend ist nicht allein, das Alphabet zu beherrschen, sondern gemeinsam einen verständlichen und selbstbestimmten Dialog zu gestalten.