Postlinguale Taubheit

Was ist postlinguale Taubheit? Definition und Abgrenzung

Postlinguale Taubheit bezeichnet einen Hörverlust, der sich nach dem Erwerb von Sprache und Sprechfähigkeit entwickelt, typischerweise nach dem sechsten Lebensjahr. Die Sprachentwicklung ist zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend abgeschlossen. Das Sprachvermögen bleibt trotz des Hörverlusts zunächst erhalten.

Man unterscheidet zwei Formen. Bei der praktischen Taubheit können Betroffene unter Umständen noch einzelne Geräusche wahrnehmen, aber kein Sprachverständnis ist mehr möglich, auch nicht mit Hörgeräten. Bei der absoluten Taubheit sind keine Hörreste mehr nachweisbar.

Anders als prälinguale Taubheit, die vor der Sprachentwicklung eintritt, baut postlinguale Taubheit auf einem bereits vorhandenen Sprachfundament auf. Der Zeitpunkt des Hörverlusts spielt daher eine entscheidende Rolle für die weiteren Kommunikationsmöglichkeiten und Bewältigungsstrategien.

Ursachen für postlinguale Taubheit im Erwachsenenalter

Die Gründe für einen späten Hörverlust sind vielfältig. In manchen Fällen tritt der Verlust sehr plötzlich auf, zum Beispiel durch Krankheiten wie Meningitis oder durch ototoxische Medikamente wie Gentamicin. Häufiger handelt es sich aber um eine graduelle Verschlechterung des Hörvermögens über Jahre.

Chronische Lärmbelastung ist eine der häufigsten Ursachen. Die US-Umweltschutzbehörde hat festgestellt, dass etwa 34 Millionen Amerikaner einer Lärmbelastung ausgesetzt sind, die zu Hörverlusten führen kann, vor allem durch Straßen- und Flugzeuglärm.

Auch genetische Faktoren können eine Rolle spielen. Im Gegensatz zu genetischen Ursachen für prälinguale Taubheit, die häufig autosomal rezessiv vererbt werden, sind genetische Ursachen für postlinguale Taubheit tendenziell autosomal dominant. Das bedeutet, sie treten in Familien gehäuft auf und werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Weitere Ursachen sind altersbedingte Hörverluste, Traumata, Tumore, Durchblutungsstörungen oder Infektionen des Innenohrs. Der individuelle Verlauf hängt stark von der zugrunde liegenden Ursache ab.

Postlinguale Taubheit und ihre Auswirkungen auf die Kommunikation

Wenn du nach abgeschlossenem Spracherwerb dein Gehör verlierst, bleibt dein Sprachvermögen zunächst erhalten. Die bereits entwickelten Sprachkenntnisse gehen nicht verloren. Dennoch bringt postlinguale Taubheit erhebliche Kommunikationshürden mit sich. Ohne akustisches Feedback wird es schwieriger, die eigene Stimme zu kontrollieren. Das führt zu Veränderungen in Aussprache, Betonung und Sprachmelodie.

Die Kommunikation mit anderen wird zur täglichen Herausforderung. Du kannst selbst sprechen, aber das Verstehen anderer ist ohne Unterstützung kaum möglich. Viele Menschen mit postlingualer Taubheit entwickeln deshalb die Fähigkeit zum Lippenlesen. Das fällt ihnen oft leichter als Menschen mit prälingualer Taubheit, weil sie bereits ein Verständnis für Sprachstrukturen haben.

Einseitige Schwerhörigkeit oder Taubheit beeinträchtigt außerdem das räumliche Hören. Betroffene können Geräuschquellen nicht mehr richtig zuordnen und haben Schwierigkeiten, in lauter Umgebung Gesprächen zu folgen. Das kann zu sozialer Isolation und psychischer Belastung führen.

Diagnose und audiologische Untersuchungen bei postlingualer Taubheit

Die Diagnose beginnt mit einer gründlichen Anamnese: Zeitpunkt des Hörverlusts, mögliche Ursachen und Familiengeschichte werden erfasst. Danach folgen audiologische Tests, um Art und Ausmaß der Hörschädigung zu bestimmen.

Dazu gehören der objektive Hörtest (BERA) zur Untersuchung des Hörnervs, die Messung otoakustischer Emissionen (OAE) zum Nachweis einer Schädigung der äußeren Haarzellen sowie eine Gleichgewichtsprüfung. Bildgebende Verfahren wie CT oder MRT können anatomische Veränderungen sichtbar machen.

Die WHO hat ein Klassifizierungssystem eingeführt, das den Schweregrad des Hörverlusts standardisiert. Es unterscheidet zwischen leichtem, mäßigem, mäßig schwerem, schwerem, sehr schwerem und vollständigem Hörverlust und berücksichtigt auch die Auswirkungen auf die Kommunikation.

Postlinguale Taubheit behandeln: Moderne Rehabilitationsansätze

Die Behandlung richtet sich nach Ursache und Schweregrad. Ein besonders wirksamer Ansatz ist die Versorgung mit einem Cochlea-Implantat. Dieses elektronische Gerät umgeht das geschädigte Innenohr und stimuliert direkt den Hörnerv, sodass wieder ein Höreindruck entsteht.

Studien zeigen deutliche Steigerungen des Hörens, des Sprachverstehens und der Lebensqualität durch ein Cochlea-Implantat. Auch nach Jahrzehnten der Ertaubung ist bei postlingual ertaubten Menschen eine erfolgreiche Versorgung möglich. Die Cochlea-Implantation gilt derzeit als die wirksamste Methode zur Hörrehabilitation bei sensorineuraler Schwerhörigkeit mit intaktem zentralem Hörsystem.

Neben der technischen Versorgung spielen Hörtraining und Sprachtherapie eine wichtige Rolle. Diese Maßnahmen helfen dir, das neue oder wiedergewonnene Hörvermögen optimal zu nutzen.

 

Deutsche Gebärdensprache als Kommunikationsoption bei postlingualer Taubheit

Obwohl du bei postlingualer Taubheit bereits über Lautsprachkenntnisse verfügst, kann das Erlernen der Gebärdensprache eine wertvolle Ergänzung sein. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine visuell-manuelle Sprache aus Handzeichen, Mimik und Körperhaltung. Sie wurde in Deutschland im Jahr 2002 offiziell als eigenständige Sprache anerkannt.

Die DGS hat ein umfangreiches Vokabular und eine eigene Grammatik, die anderen Regeln folgt als gesprochene Sprachen. Sie ist innerhalb der deutschen Gehörlosengemeinschaft gewachsen und hat verschiedene regionale Dialekte.

Für Menschen mit postlingualer Taubheit können auch Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) hilfreich sein. Dabei wird simultan zu jedem gesprochenen Wort eine Gebärde ausgeführt. Man nennt das auch „gebärdetes Deutsch“. LBG folgt der Grammatik der deutschen Lautsprache und ist in Deutschland offiziell anerkannt.

Postlinguale Taubheit und psychosoziale Anpassung

Der Verlust des Gehörs im Erwachsenenalter bringt erhebliche psychosoziale Herausforderungen mit sich. Wer später im Leben sein Gehör verliert, muss sich an viele Veränderungen gewöhnen, um weiterhin selbstständig zu leben.

Du musst dich möglicherweise an Hörgeräte oder ein Cochlea-Implantat anpassen, Lippenlesen lernen und neue Kommunikationsmittel wie Bildtelefone oder Relay-Dienste nutzen. Einsamkeit und Depression können entstehen, wenn die Kommunikation mit Freunden und Angehörigen wegbricht oder die Akzeptanz der eigenen Behinderung schwerfällt.

Dazu kommt, dass sich auch dein Umfeld anpassen muss. Eine offene Kommunikation über deine Bedürfnisse und Schwierigkeiten ist daher wichtig für eine gelingende Anpassung.

Berufliche Integration bei postlingualer Taubheit

Im Berufsleben stellen sich besondere Fragen. Je nach Beruf und Ausmaß des Hörverlusts sind Anpassungen am Arbeitsplatz notwendig oder ein Berufswechsel kommt in Betracht.

In Deutschland haben Menschen mit Hörbehinderungen das Recht auf Verwendung der Deutschen Gebärdensprache, lautsprachbegleitender Gebärden oder anderer geeigneter Kommunikationshilfen. Das gilt auch im beruflichen Kontext. Arbeitgeber sind verpflichtet, angemessene Vorkehrungen zu treffen.

Technische Hilfsmittel wie FM-Anlagen, Induktionsschleifen oder spezielle Telefone können die Kommunikation am Arbeitsplatz erleichtern. Gebärdensprachdolmetscher können bei wichtigen Besprechungen hinzugezogen werden. Beratungsstellen für Menschen mit Hörbehinderungen und Integrationsämter bieten Unterstützung bei der beruflichen Wiedereingliederung.

Postlinguale Taubheit im sozialen Umfeld: Strategien für Betroffene und Angehörige

Der Umgang mit postlingualer Taubheit erfordert nicht nur deine eigene Anpassung, sondern auch die deines Umfelds. Familie, Freunde und Kollegen spielen eine wichtige Rolle. Offene Gespräche über deine Bedürfnisse helfen dabei, Missverständnisse zu vermeiden.

Für Angehörige ist es hilfreich, einige Grundregeln zu beachten: deutlich sprechen ohne zu übertreiben, Blickkontakt halten, gut sichtbare Lippenbewegungen, Hintergrundlärm vermeiden und Geduld im Gespräch mitbringen. Auch das Erlernen einiger Grundgebärden kann viel bewirken.

Selbsthilfegruppen und Vereine für Menschen mit Hörbehinderungen bieten wertvolle Informationen, praktische Tipps und emotionale Unterstützung. Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft, neue Perspektiven zu gewinnen und Strategien für den Alltag zu entwickeln.

Forschungsperspektiven und Zukunftsaussichten bei postlingualer Taubheit

Die Forschung im Bereich der Hörrehabilitation macht stetig Fortschritte. Cochlea-Implantate werden weiterentwickelt, um ein natürlicheres Hörerlebnis zu ermöglichen. Die Erfolgsraten bei postlingualer Taubheit sind dabei besonders gut.

Neue Ansätze in der Stammzellforschung und Gentherapie lassen hoffen, dass künftig auch die Regeneration geschädigter Haarzellen im Innenohr möglich sein könnte. Bis dahin bieten verbesserte technische Hilfsmittel und wachsendes gesellschaftliches Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Hörbehinderungen zunehmend bessere Teilhabemöglichkeiten.

Die wachsende Verbreitung der Gebärdensprache trägt ebenfalls dazu bei, Barrieren abzubauen. Mit den richtigen Unterstützungsangeboten und einer offenen Gesellschaft ist ein erfülltes und aktives Leben trotz postlingualer Taubheit möglich.

Leben mit postlingualer Taubheit gestalten

Postlinguale Taubheit stellt dich vor Herausforderungen, bietet aber auch Chancen. Dein bereits entwickeltes Sprachvermögen gibt dir einen Vorteil beim Lippenlesen und beim Übergang zu alternativen Kommunikationsformen. Moderne Technologien wie Cochlea-Implantate können dir helfen, wieder am akustischen Leben teilzuhaben.

Das Erlernen der Gebärdensprache öffnet dir den Zugang zu einer reichen Kultur und Gemeinschaft und erweitert deine Kommunikationsmöglichkeiten erheblich. Mit der richtigen Unterstützung und Offenheit für neue Wege kannst du ein selbstbestimmtes Leben führen.

Die Akzeptanz der eigenen Hörbehinderung ist dabei ein wichtiger Schritt. Wer die eigene Situation annimmt und aktiv nach Lösungen sucht, verbessert nicht nur die eigene Lebensqualität, sondern kann auch anderen Betroffenen als Orientierung dienen.

 

Von A bis Z: Begriffe rund um Hörbehinderung und Gebärdensprachen

Hier findest du Erklärungen zu wichtigen Begriffen aus den Bereichen Hörbehinderung und Gebärdensprachen. Unser Ziel ist es, dir einen einfachen Zugang zu diesem Themenfeld zu ermöglichen und Fachbegriffe verständlich zu erläutern.

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