Ertaubung: Wenn die Welt plötzlich still wird
Ertaubung bezeichnet einen völligen Hörverlust, der erst nach dem Spracherwerb eintritt. Im Gegensatz zu von Geburt an tauben Menschen haben Betroffene die Lautsprache bereits als hörende Kinder oder Erwachsene erworben. Der Hörverlust führt dabei nicht automatisch zum Verlust der Fähigkeit, zu sprechen oder Sprache zu verstehen. Trotz dieser vorhandenen Sprachkompetenz stellt die Ertaubung eine massive Herausforderung dar und verändert das Leben grundlegend. Besonders schwerwiegend ist dabei nicht nur der Hörverlust selbst, sondern vor allem die Einschränkung in der Kommunikation und im sozialen Bereich.
Definition und Arten der Ertaubung
Ertaubung bezeichnet einen Hörverlust, der nach dem Erlernen der Sprache eintritt. Dabei unterscheiden Fachleute zwischen verschiedenen Formen. Bei der postlingualen Ertaubung verliert ein Mensch sein Gehör, nachdem er bereits die Lautsprache erworben hat. Als Grenze gilt dabei häufig das siebte Lebensjahr, da sich die Sprache bis dahin so weit gefestigt hat, dass sie auch bei einem vollständigen Hörverlust nicht verloren geht.
Im Gegensatz dazu steht die prälinguale Taubheit, bei der Kinder vor dem Spracherwerb ihr Gehör verlieren oder bereits taub geboren werden. In diesem Fall ist der Spracherwerb erheblich erschwert, da sie die Lautsprache nicht auf natürlichem Wege erlernen können.
Die Ertaubung kann dabei entweder plötzlich eintreten, etwa durch ein Lärmtrauma oder einen Hörsturz oder sich langsam und schleichend entwickeln. Manchmal verläuft sie zudem in mehreren Schüben, etwa nach einem Unfall, einer Hirnhautentzündung oder infolge einer Medikamenteneinnahme.

Ursachen des Hörverlustes
Die Ursachen für eine Ertaubung sind vielfältig. Häufig geht einer vollständigen Ertaubung dabei eine fortschreitende Schwerhörigkeit voraus. Folgende Faktoren können einen Hörverlust auslösen:
Hörstürze verursachen dabei einen plötzlichen Hörverlust. Auch Virusinfektionen wie Mumps oder HIV sowie bakterielle Innenohrentzündungen können zu einer Ertaubung führen. Toxische Einflüsse durch bestimmte Medikamente oder gewerbliche Gifte stellen zudem weitere Risikofaktoren dar.
Krankheiten wie Meningitis, Multiple Sklerose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen können ebenfalls einen Hörverlust verursachen. Darüber hinaus können Unfälle und Kopfverletzungen das Hörorgan oder die Hörnerven schädigen. Ein Lärmtrauma durch extreme Schalleinwirkungen ist dabei eine weitere mögliche Ursache. Nicht zuletzt spielen zudem genetische Faktoren eine Rolle, da einige Formen der Ertaubung erblich bedingt sind.
Der Prozess der Ertaubung und seine Symptome
Der Prozess der Ertaubung verläuft in den meisten Fällen schleichend. Er beginnt dabei typischerweise mit einem Hochtonverlust, bei dem höhere Frequenzen nicht mehr wahrgenommen werden. Umweltgeräusche wie Vogelgezwitscher oder das Klingeln eines Telefons werden dabei zunehmend unhörbar. Frauen- und Kinderstimmen werden zudem schwerer verständlich.
Im weiteren Verlauf nimmt die Sprachverständlichkeit insgesamt ab. Betroffene haben dabei Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen – insbesondere wenn mehrere Personen gleichzeitig sprechen oder die Umgebung laut ist. Sie bemerken, dass sie immer häufiger nachfragen müssen oder Unterhaltungen missverstehen.
Bei fortschreitender Ertaubung können zudem Begleiterscheinungen wie Gleichgewichtsstörungen oder Tinnitus auftreten. Viele Betroffene beschreiben dabei einen Verlust an Spontanität, der aus den Kommunikationsschwierigkeiten resultiert.
Psychosoziale Auswirkungen
Die Auswirkungen einer Ertaubung gehen weit über den reinen Hörverlust hinaus. Besonders schwerwiegend ist dabei die Einschränkung in der Kommunikation und im sozialen Bereich. Ertaubte Menschen sind plötzlich aus der vorher selbstverständlichen lautsprachlichen Kommunikation weitestgehend ausgeschlossen.
Dies führt häufig zu sozialer Isolation, da Betroffene sich aus Situationen zurückziehen, in denen sie nicht mehr problemlos kommunizieren können. Der erhöhte Konzentrationsaufwand bei der Informationsaufnahme verbraucht dabei schnell die Energiereserven, was zu körperlicher und geistiger Erschöpfung führt.
Psychische Belastungen wie Depressionen, Angstzustände und ein vermindertes Selbstwertgefühl können dabei die Folge sein. Es ist zudem wichtig zu verstehen, dass spätertaubte Menschen oft mit der hörenden Welt verbunden bleiben, ohne einen Bezug zur Taubengemeinschaft aufzubauen. Dies kann zu einem Gefühl des Dazwischenseins führen, nicht mehr vollständig Teil der hörenden Welt, aber auch nicht integriert in die Gebärdensprachgemeinschaft.
Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten bei Ertaubung
Bei Verdacht auf eine beginnende Ertaubung ist eine frühzeitige Diagnose entscheidend. Ein HNO-Arzt führt dabei verschiedene Hörtests durch, wie die Tonschwellenaudiometrie oder die Sprachaudiometrie.
Die Behandlungsmöglichkeiten hängen dabei von der Ursache und dem Grad des Hörverlusts ab. Bei einem akuten Hörsturz besteht die Chance auf Verbesserung durch eine rechtzeitige medikamentöse Behandlung. Bei schwerem Hörverlust kommen Hörgeräte zum Einsatz. Reichen diese nicht mehr aus, kann ein Cochlea-Implantat eine Lösung sein. Dieses elektronische Gerät übernimmt dabei die Funktion des Innenohrs und stimuliert direkt den Hörnerv.
Bei postlingualer Taubheit sollte die Implantation dabei möglichst innerhalb eines Jahres erfolgen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Die Erfolgsrate ist bei Personen, die nach dem Spracherwerb ertaubt sind, in der Regel höher als bei prälingual Tauben.
Kommunikationsmethoden
Für Menschen mit einer Ertaubung ist es dabei wichtig, alternative Kommunikationsmethoden zu erlernen. Eine Möglichkeit ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS), eine eigenständige visuell-manuelle Sprache mit eigener Grammatik, die seit 2002 gesetzlich anerkannt ist.
Eine weitere Option sind Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG), bei denen simultan zu jedem gesprochenen Wort eine Gebärde ausgeführt wird. Im Gegensatz zur DGS folgt LBG dabei der Grammatik der deutschen Lautsprache und ist daher für viele Spätertaubte leichter zu erlernen. LBG kann dabei besonders in der Übergangsphase nach einer Ertaubung hilfreich sein.
Auch technische Hilfsmittel unterstützen die Kommunikation. Schriftdolmetscher übertragen das gesprochene Wort in Schrift, die Betroffene mitlesen können. Spezielle Apps können Sprache zudem in Text umwandeln. Das Lippenlesen ist eine weitere wichtige Fähigkeit, die viele Ertaubte erlernen – erfordert dabei jedoch viel Übung und Konzentration.
Leben mit Ertaubung – Praktische Tipps
Das Leben mit einer Ertaubung erfordert Anpassungen im Alltag. Wichtig ist dabei, offen mit der Hörbehinderung umzugehen und das Umfeld zu informieren. Erkläre deinen Freunden und Kollegen, wie sie am besten mit dir kommunizieren können. Bitte sie dabei, deutlich zu sprechen, dir zugewandt zu sein und für gute Lichtverhältnisse zu sorgen.
In Gruppen kann es zudem hilfreich sein, einen festen Platz zu wählen, von dem aus du alle Teilnehmer gut sehen kannst. Nutze außerdem technische Hilfsmittel wie Lichtsignalanlagen für Türklingel oder Rauchmelder.
Teile deine Energie für Kommunikation dabei bewusst ein und plane regelmäßige Pausen ein. Erlaube dir, Wut und Trauer über den Hörverlust zuzulassen – versuche dann aber, die Energie in positive Bahnen zu lenken. Viele Betroffene berichten dabei, dass sie durch die Ertaubung neue Fähigkeiten entdeckt haben, die ihr Leben auf unerwartete Weise bereichert haben.
Unterstützung und Ressourcen
Als Betroffener musst du dabei nicht allein mit der Ertaubung umgehen. Es gibt zahlreiche Unterstützungsangebote und Ressourcen, die dir helfen können.
Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. bietet dabei Informationen, Beratung und setzt sich politisch für die Rechte von Menschen mit Hörbehinderungen ein. Selbsthilfegruppen für Spätertaubte bieten zudem die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffenen. Der emotionale Rückhalt durch Menschen in einer ähnlichen Situation ist dabei von unschätzbarem Wert.
Für die berufliche Integration stehen außerdem Integrationsfachdienste zur Verfügung, die bei der Arbeitsplatzanpassung beraten. Als Mensch mit einer Hörbehinderung hast du in Deutschland dabei Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis, der verschiedene Nachteilsausgleiche mit sich bringt.
Ertaubung verstehen und damit leben
Ertaubung ist eine komplexe Erfahrung, die jeden Betroffenen auf unterschiedliche Weise herausfordert. Der Umgang damit erfordert dabei Zeit, Geduld und die Bereitschaft, neue Wege der Kommunikation zu erlernen. Ertaubung stellt dabei nicht nur ein medizinisches Problem dar, sondern hat wesentliche Auswirkungen auf das soziale Leben, die psychische Gesundheit und das Selbstbild.
Im Unterschied zur angeborenen Taubheit haben Ertaubte dabei die besondere Herausforderung, sich von einem Leben mit Hören auf ein Leben ohne oder mit stark eingeschränktem Hörvermögen umzustellen. Sie müssen dabei häufig ihre Identität neu definieren und ihren Platz zwischen der hörenden und der tauben Welt finden.
Durch den technischen Fortschritt und die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von Gebärdensprache verbessern sich die Möglichkeiten für Ertaubte dabei stetig. Letztendlich geht es darum, trotz der Ertaubung aktiv am Leben teilzuhaben, soziale Beziehungen zu pflegen und persönliche Ziele zu verfolgen. Mit dem richtigen Unterstützungsnetzwerk und einer positiven Einstellung kannst du dabei lernen, mit den Herausforderungen der Ertaubung umzugehen und ein erfülltes Leben zu führen.
