Die Anfänge der Gebärdensprachforschung weltweit
Die Gebärdensprachforschung ist eine vergleichsweise junge Disziplin. Ihre Anfänge liegen in den 1960er Jahren in den USA. Damals legte der Linguist William Stokoe mit seiner wegweisenden Arbeit zur American Sign Language (ASL) den Grundstein für die moderne Gebärdensprachforschung. Stokoe zeigte, dass ASL eine eigenständige Sprache mit einer eigenen, komplexen Grammatik ist. Sie ist also keine bloße visuelle Darstellung des Englischen.
Die Geschichte der Gebärdensprachen selbst reicht jedoch viel weiter zurück. Schon Plato, Augustinus und Leonardo da Vinci berichteten über gebärdende taube Personen. Auch im jüdischen Talmud findet sich ein Hinweis: Dort wird die Eheschließung tauber Ehewilliger in Gebärden beschrieben. Überall, wo taube Menschen in Gemeinschaften zusammenlebten, entstanden natürliche Gebärdensprachen mit eigenen sprachlichen Merkmalen.
In Europa startete die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gebärdensprachen erst später. Es dauerte bis in die 1970er und 1980er Jahre, bis Forscher in europäischen Ländern damit begannen, Gebärdensprachen systematisch zu untersuchen.
Geschichte der Gebärdensprachforschung in Deutschland
In Deutschland startete die systematische Erforschung der Deutschen Gebärdensprache (DGS) in den frühen 1980er Jahren. Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung der „Forschungsstelle Deutsche Gebärdensprache“ an der Universität Hamburg im Jahr 1981. Prof. Dr. Siegmund Prillwitz baute diese Stelle auf.
Dabei stand am Anfang nicht die Sprache selbst im Mittelpunkt, sondern die Situation der Tauben. Bis in die 1990er Jahre behandelte die Gesellschaft sie vor allem als Behinderte. Die Gebärdensprache galt damals nicht als anerkannte Sprache, sondern war eher verpönt. Ende der 1970er Jahre fragte das Bundesfamilienministerium nach der Lage der Gehörlosen. Daraufhin arbeitete Prillwitz die Forschung auf, vor allem im anglo-amerikanischen Bereich. Dabei zeigte sich: Die größten Probleme entstanden, weil Gehörlose in der Familie, in der Schule, in der Ausbildung und im Beruf kaum kommunizieren konnten.
Am 11. Mai 1987 eröffnete in Hamburg das „Zentrum für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser“. Später erhielt es den Namen „Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser“ (IDGS). Dieses Institut leistete viel für die wissenschaftliche Anerkennung der DGS und baute die Gebärdensprachforschung in Deutschland auf.

Methodische Ansätze in der Gebärdensprachforschung
Die Gebärdensprachforschung nutzt verschiedene Methoden, um Gebärdensprachen zu untersuchen. Ein zentraler Ansatz ist die sprachliche Analyse. Sie beschäftigt sich mit Grammatik, Satzbau, Wortbildung und Lautlehre von Gebärdensprachen. Da Gebärdensprachen visuell-räumliche Sprachen sind, unterscheiden sie sich in vielen Punkten von gesprochenen Sprachen.
In der Lautlehre der Gebärdensprachen gibt es vier wichtige Merkmale: Handform, Handrichtung, Bewegung und Ort der Bewegung. Diese Merkmale entsprechen den Lauten in der gesprochenen Sprache und sind die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten. Prillwitz legte diese vier Merkmale 1985 für die DGS fest.
Darüber hinaus nutzen Gebärdensprachen den dreidimensionalen Raum für grammatische Aufgaben. In der DGS können Verben zum Beispiel ihre Bewegungsrichtung im Raum verändern, um anzuzeigen, wer etwas tut und wem gegenüber. Diese räumliche Grammatik ist ein besonderes Merkmal aller Gebärdensprachen.
Neben der sprachlichen Analyse spielt auch die Korpuslinguistik eine wichtige Rolle. Das DGS-Korpus-Projekt an der Universität Hamburg sammelt zum Beispiel gebärdete Gespräche auf Video. Mit über 560 Stunden Filmmaterial und 634.497 Einheiten (Stand: 1. Oktober 2020) gehört das DGS-Korpus zu den größten Sammlungen von Gebärdensprachdaten weltweit.
Gebärdensprachforschung in den Neurowissenschaften
Die Neurolinguistik verfolgt bei der Erforschung der Gebärdensprachverarbeitung zwei Ziele. Erstens untersucht sie, wie das Gehirn Gebärdensprachen verarbeitet und wie sich das von der Verarbeitung gesprochener Sprache unterscheidet. Zweitens fragt sie, ob die Sprache im Gehirn unterschiedlich angesiedelt ist, je nachdem ob jemand spricht oder gebärdet.
Früher galt die Gebärdensprachforschung ausschließlich als Teil der Sprachwissenschaft. Heute ist sie Gegenstand vieler Disziplinen. So untersuchen Neurowissenschaftler die Grundlagen der Gebärdensprachverarbeitung im Gehirn. Dadurch wollen sie mehr über Gebärdensprachen erfahren und außerdem grundlegende Erkenntnisse darüber gewinnen, wie das Gehirn Sprache verarbeitet.
Studien zeigen dabei ein überraschendes Ergebnis: Das Gehirn verarbeitet Gebärdensprachen vor allem in der linken Gehirnhälfte – genau wie gesprochene Sprachen. Das ist bemerkenswert, weil räumliche Informationen normalerweise in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet werden. Daraus folgt, dass grundlegende Sprachprozesse unabhängig davon ablaufen, ob eine Sprache gesprochen oder gebärdet wird.
Die Bedeutung der Gebärdensprachforschung für Menschen mit Hörbehinderung
Die Gebärdensprachforschung ist sehr bedeutsam für Menschen mit Hörbehinderung. Dieser Begriff umfasst alle Arten von Einschränkungen des Gehörs. Sie können von Geburt an bestehen oder sich im Laufe des Lebens in unterschiedlichem Ausmaß entwickeln.
Als gehörlos gelten Menschen, die ihr Gehör durch eine starke Schädigung verloren haben oder die bereits vor dem Erwerb der Lautsprache ertauben. Sie können Sprache nicht auf akustischem Weg erlernen. Selbst mit den besten Hörsystemen nehmen sie keine oder nur wenige Höreindrücke wahr. Deshalb kommunizieren gehörlose Menschen in Deutscher Gebärdensprache (DGS), in Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) und ergänzend in Schriftform.
Die Forschung hat dazu beigetragen, dass Gebärdensprachen heute als vollwertige Sprachen anerkannt sind. Das wiederum förderte die gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung. So erkannte Deutschland die DGS im Jahr 2002 im Behindertengleichstellungsgesetz als eigenständige Sprache an. Damit verbesserten sich die Bildungschancen und die gesellschaftliche Teilhabe gehörloser Menschen erheblich.
Aktuelle Projekte und Forschungsschwerpunkte der Gebärdensprachforschung
Die Gebärdensprachforschung ist ein lebendiges Feld mit vielen laufenden Projekten weltweit. Besonders wichtig ist das DGS-Korpus-Projekt am IDGS der Universität Hamburg. Dieses Langzeitprojekt läuft von 2009 bis 2027. Es erstellt eine umfangreiche Video-Sammlung der Deutschen Gebärdensprache und baut darauf das erste vollständige Wörterbuch der DGS auf (DW-DGS).
An der Georg-August-Universität Göttingen forscht ein Team zur Grammatik der DGS und anderer Gebärdensprachen. Außerdem vergleicht es verschiedene Gebärdensprachen miteinander, untersucht die Verarbeitung von Gebärdensprachen und befasst sich mit nicht-manuellen Mitteln sowie der historischen Entwicklung von Gebärdensprachen. Das Gebärdensprachlabor in Göttingen bietet dafür eine professionelle Umgebung zur Datenerhebung und zur Durchführung von Experimenten.
Zudem entstand im Rahmen des europäischen Projekts SignHub ein sprachlicher Atlas für Gebärdensprachen. Dieser Atlas stellt Gebärdensprachen weltweit systematisch dar und verbindet so die internationale Gebärdensprachforschung.
Internationale Vernetzung der Gebärdensprachforschung
Die Gebärdensprachforschung ist heute eng international vernetzt. Die USA haben dabei die längste Forschungstradition – dort kam der Durchbruch in den 1960er Jahren. Inzwischen gibt es jedoch in vielen Ländern Forschungszentren, die sich mit Gebärdensprachen befassen.
Der Vergleich verschiedener Gebärdensprachen ist ein junges Forschungsfeld. Es existiert erst seit Anfang des 21. Jahrhunderts. Dennoch hat es sich rasch zu einem eigenständigen Zweig entwickelt.
Diese internationale Vernetzung eröffnet neue Möglichkeiten. So lassen sich zum Beispiel allgemeine Prinzipien untersuchen, die für alle Sprachen der Welt gelten – egal ob sie gesprochen oder gebärdet werden. Die Gebärdensprachforschung zeigt nämlich, dass Sprache unabhängig vom Kanal funktioniert. Das heißt, allen Sprachen – ob gesprochen oder gebärdet – liegt dasselbe sprachliche System zugrunde.
Die Zukunft der Gebärdensprachforschung und technologische Entwicklungen
Die Gebärdensprachforschung steht vor spannenden Möglichkeiten. Denn die Digitalisierung eröffnet neue Wege, um Gebärdensprachen zu dokumentieren, zu analysieren und zu vermitteln. Digitale Werkzeuge machen es leichter, große Datenmengen zu sammeln und für Forschung und Lehre zu nutzen.
Ein zentrales Zukunftsthema ist die automatische Erkennung und Übersetzung von Gebärdensprachen. Ingenieure arbeiten an technischen Hilfsmitteln, die Gebärdensprache erkennen und wiedergeben können. Solche Technologien würden die Verständigung zwischen gehörlosen und hörenden Menschen deutlich erleichtern und außerdem die digitale Welt zugänglicher machen.
Dabei wird die Zusammenarbeit verschiedener Fachgebiete immer wichtiger. Wenn Sprachwissenschaftler, Neurowissenschaftler, Psychologen und Informatiker gemeinsam forschen, entstehen neue Erkenntnisse und nützliche Anwendungen – zum Wohl der Wissenschaft und der Gehörlosengemeinschaft.
Schließlich bleibt die Gebärdensprachforschung auch ein Motor für gesellschaftliche Teilhabe. Indem sie Gebärdensprachen sichtbar macht und ihre Anerkennung stärkt, unterstützt sie die Gehörlosengemeinschaft in ihrem Einsatz für Gleichberechtigung und Inklusion in allen Lebensbereichen.
Insgesamt bietet die Gebärdensprachforschung ein breites und faszinierendes Feld für neue Entdeckungen und praktische Anwendungen. Sie hilft uns, Gebärdensprachen besser zu verstehen. Zugleich erweitert sie unser Bild von Sprache als grundlegend menschlicher Fähigkeit.
