Was ist die internationale Gebärdensprache?
Der Begriff internationale Gebärdensprache klingt logisch und einleuchtend. Wenn Menschen auf der ganzen Welt gebärden, müsste es doch eine gemeinsame Sprache geben, die alle verstehen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Eine einheitliche internationale Gebärdensprache existiert nicht. Was es gibt, ist ein flexibles Kommunikationssystem namens International Sign (IS), das taube Menschen aus verschiedenen Ländern nutzen, um sich zu verständigen. Dieser Text räumt mit dem Mythos auf und erklärt, wie internationale Kommunikation unter tauben Menschen tatsächlich funktioniert.
Der Mythos der internationalen Gebärdensprache: Was stimmt und was nicht
Die Vorstellung, alle tauben Menschen würden dieselbe Gebärdensprache sprechen, ist weit verbreitet, aber falsch. Weltweit existieren etwa 200 bis 300 verschiedene Gebärdensprachen, die sich in Vokabular, Grammatik und Ausführung teils erheblich voneinander unterscheiden. Sie sind genauso verschieden wie gesprochene Sprachen. Eine taube Person aus Berlin versteht eine taube Person aus Tokio deshalb nicht automatisch, genau so wenig wie eine deutschsprachige Person ohne Weiteres Japanisch versteht.
Was stattdessen existiert, ist International Sign: ein Kommunikationssystem, das sich organisch aus dem Bedürfnis tauber Menschen nach internationaler Verständigung entwickelt hat. International Sign ist keine vollständige Sprache im linguistischen Sinne, sondern eine Pidgin-Sprache, also ein vereinfachtes Kommunikationssystem, das Elemente verschiedener nationaler Gebärdensprachen kombiniert.
In Deutschland sind etwa 83.000 Menschen taub, weltweit sind es rund 70 Millionen. Sie alle kommunizieren in ihren jeweiligen nationalen Gebärdensprachen. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist seit 2002 als eigenständige Sprache anerkannt und hat, wie alle natürlichen Gebärdensprachen, eine eigene Grammatik und ein eigenes Vokabular.

Wie die internationale Gebärdensprache entstand: Geschichte von Gestuno bis International Sign
Taube Menschen haben sich seit Jahrhunderten bei internationalen Treffen und Kongressen ausgetauscht. Dabei entstanden schon früh informelle Wege der gegenseitigen Verständigung. Als der Weltverband der Tauben (World Federation of the Deaf, WFD) 1951 gegründet wurde, rückte die Frage nach einem gemeinsamen Kommunikationssystem stärker in den Vordergrund.
1973 gründete die WFD einen eigenen Ausschuss, der eine internationale Gebärdensprache entwickeln sollte. Das Ziel war, einfache und allgemein verständliche Gebärden aus verschiedenen nationalen Sprachen zu sammeln und zu einem System zusammenzustellen. Das Ergebnis war Gestuno, ein Name aus dem englischen Wort gesture und einer Anlehnung an die UNO. Ein fotografisches Wörterbuch mit etwa 1.500 Gebärden wurde veröffentlicht und sollte als Grundlage dienen.
Als Gestuno 1976 beim WFD-Kongress in Bulgarien erstmals eingesetzt wurde, scheiterte es jedoch. Die tauben Teilnehmer verstanden es kaum. Stattdessen entwickelte sich unter ihnen und den anwesenden Dolmetschern spontan ein eigenes, informelles Kommunikationssystem. Dieses System, das sich von Kongress zu Kongress weiterentwickelte, ist das, was wir heute als International Sign kennen. Gestuno geriet in Vergessenheit, International Sign setzte sich durch.
Wie International Sign funktioniert: Merkmale und Kommunikationsweise
International Sign ist keine geplante Sprache. Sie ist das Ergebnis eines natürlichen, kommunikativen Prozesses zwischen Menschen, die verschiedene Gebärdensprachen sprechen und sich dennoch verständigen wollen. Deshalb ist sie modular, flexibel und stark vom Kontext abhängig.
Statt einer festen Grammatik nutzt International Sign bevorzugt einfache, visuell nachvollziehbare Gebärden. Komplexe grammatische Strukturen werden vermieden, weil sie in der Regel zu sprachspezifisch und deshalb schwerer übertragbar sind. Mimik, Körpersprache und visuelle Hinweise spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Handzeichen selbst.
Die Kommunikation basiert außerdem stark auf Wiederholungen, der Übernahme von Gebärden aus verschiedenen nationalen Sprachen und dem Umschreiben schwieriger Begriffe. Das funktioniert gut, braucht aber mehr Zeit als die Kommunikation in einer vollständigen natürlichen Gebärdensprache. Abstrakte Themen sind besonders anspruchsvoll, weil sie mehr Umschreibungen und visuelle Hilfsmittel erfordern als konkrete, alltagsnahe Inhalte.
Da International Sign kein standardisiertes System ist, variiert es je nach den beteiligten Personen und ihren sprachlichen Hintergründen. Wer mehrere Gebärdensprachen kennt, kann sich in International Sign in der Regel besser verständigen als jemand, der nur eine kennt.
International Sign und Gestuno: Warum der Unterschied wichtig ist
Gestuno und International Sign werden häufig verwechselt oder gleichgesetzt. Dabei handelt es sich um grundlegend verschiedene Konzepte. Gestuno war ein top-down entwickeltes Projekt: Eine Kommission wählte Gebärden aus und veröffentlichte ein Wörterbuch. Das System war also von außen geplant und aufgezwungen, nicht aus dem tatsächlichen Kommunikationsbedürfnis tauber Menschen heraus gewachsen. Deshalb scheiterte es.
International Sign ist das Gegenteil davon. Es entstand bottom-up, also direkt aus der Praxis internationaler Begegnungen. Taube Menschen entwickelten es gemeinsam, indem sie kommunizierten, experimentierten und voneinander lernten. Deshalb funktioniert es, auch wenn es keine einheitliche Grammatik und kein standardisiertes Vokabular gibt.
Für International Sign existieren außerdem verschiedene Bezeichnungen: International Sign Language (ISL), International Gesture (IG) oder International Sign Pidgin. Der heute gebräuchlichste Begriff ist International Sign, den die WFD und weitere internationale Organisationen offiziell verwenden.
Wie taube Menschen weltweit kommunizieren: Internationale Verständigung in der Praxis
Trotz der fehlenden einheitlichen internationalen Gebärdensprache funktioniert die Verständigung zwischen tauben Menschen aus verschiedenen Ländern erstaunlich gut. International Sign ermöglicht dabei die Kommunikation bei internationalen Veranstaltungen: den Kongressen der WFD, den Deaflympics, Eurovision und zahlreichen anderen Treffen.
Bei innereuropäischen Veranstaltungen hat sich außerdem eine eigene Variante entwickelt, die als Eurosigns bezeichnet wird. Sie ist hauptsächlich durch die British Sign Language, die französische Gebärdensprache und skandinavische Gebärdensprachen geprägt. Eurosigns ist deshalb stärker standardisiert als International Sign insgesamt und eignet sich besonders für Begegnungen innerhalb Europas.
Darüber hinaus gibt es ein internationales Fingeralphabet, das sich am Fingeralphabet der USA orientiert. Es dient zur Buchstabierung einzelner Wörter und Namen, ist aber kein Ersatz für eine vollständige Gebärdensprache.
Warum International Sign für taube Menschen weltweit so wichtig ist
In Europa leben etwa 196 Millionen Menschen mit einer Hörbehinderung. In Deutschland sind rund 13,3 Millionen Menschen hörbeeinträchtigt, also fast 19 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren. Für diese große Gruppe ist die Möglichkeit, über Sprachgrenzen hinweg zu kommunizieren, von erheblicher Bedeutung.
International Sign ermöglicht tauben Menschen, an internationalen Gemeinschaften und Veranstaltungen teilzunehmen. Seit 2009 wird jährlich am 23. September der Internationale Tag der Gebärdensprache begangen, ein von den Vereinten Nationen ausgerufener Gedenktag. Er erinnert daran, dass Gebärdensprachen vollwertige, eigenständige Sprachen sind und denselben Respekt und dieselbe Anerkennung verdienen wie Lautsprachen.
Verboten und wiedergeboren: Die Geschichte der Gebärdensprachen
Die Geschichte der Gebärdensprachen ist auch eine Geschichte der Unterdrückung. Beim Mailänder Kongress von 1880 wurde beschlossen, Gebärdensprachen aus dem Unterricht tauber Kinder zu verbannen. Stattdessen sollten rein lautsprachliche Methoden eingesetzt werden. In Deutschland hielt dieses Verbot etwa 100 Jahre lang an. Besonders im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit wurde es konsequent und ohne fachlichen Widerspruch durchgesetzt.
Trotzdem wurden Gebärdensprachen von tauben Menschen heimlich weitergegeben und weiterentwickelt, vor allem in Schulen und Internaten, außerhalb des offiziellen Unterrichts. Das Verbot begann sich erst zu lockern, als in den 1960er Jahren in den USA und in den 1980er Jahren in Deutschland die wissenschaftliche Erforschung von Gebärdensprachen begann.
Heute werden Gebärdensprachen aktiv gefördert. Bilinguale Unterrichtskonzepte, die Gebärden- und Lautsprache verbinden, gewinnen an Bedeutung. Außerdem hat die UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 das Recht auf gebärdensprachliche Beschulung in Deutschland gesetzlich verankert.
Was internationale Gebärdensprache wirklich bedeutet
Der Begriff internationale Gebärdensprache ist irreführend, weil er eine Einheitlichkeit suggeriert, die nicht existiert. Was es tatsächlich gibt, ist International Sign: ein flexibles, natürlich entstandenes Kommunikationssystem, das tauben Menschen die Verständigung über Sprachgrenzen hinweg ermöglicht. Es ist keine vollständige Sprache, sondern eine Pidgin-Sprache, die aus echten kommunikativen Begegnungen entstanden ist.
Die Vielfalt der Gebärdensprachen weltweit ist kein Defizit, sondern ein Ausdruck der kulturellen und sprachlichen Eigenständigkeit tauber Gemeinschaften. Jede Gebärdensprache hat ihre eigene Geschichte, Grammatik und Ausdrucksweise. Wer das versteht, sieht in International Sign nicht eine unvollkommene Lösung, sondern eine beeindruckende Form der menschlichen Kommunikationsfähigkeit.
